Illusion der Wirklichkeit
Cosima Hawemann überschreitet in ihren Bilderfindungen die Grenzen zwischen Malerei und authentischem Kitsch, High und Low, Kunst und alltäglicher Werbegrafik. Ihre intermedialen Arrangements suchen Anschluss an das wirkliche Leben und zitieren bewusst aus der reizüberfluteten Bild-Umwelt der Nichtkunst, die uns täglich umgibt. Um kunstfremde Alltagsmaterialien in ihre Bilder zu integrieren, verwendet die Künstlerin das traditionelle Prinzip der Collage.
Cosima Hawemann wählt aus Werbeprospekten, die in Millionenauflage in unsere Haushalte gelangen, bewusst Abbildungen aus, die sie ausschneidet, Details isoliert und in ihre Kunst einbezieht. Die Sehgewohnheiten des Betrachters werden irritiert und Kommunikationsstrategien alltäglicher Gebrauchsästhetik hinterfragt. Die Materialbilder kombinieren figürliche Malerei, Zeichnung und Fotografie. Die Konfrontation der Gegensätze und die Disparität der Bildsprache schaffen Spannung und ironische Distanz. Ein ordinärer Wurstring erscheint als Heiligenschein über einem reduziert gezeichneten Nonnenportrait. Die ornamental überladene herkömmliche Tapete des Bildhintergrundes verleiht der absurden Situation eine banale Ebene. Linie und Fläche, Ornament und Figur verursachen formales Ungleichgewicht und kontrastreiche Bildaussagen. Profanes verwandelt sich zu Einzigartigem und Außergewöhnliches erhält den Charakter des Absurden. Es findet eine Umwertung der Werte statt, die alles zur Kunst und analog ebenso zur Illusion erklärt. Das kitschige Inselmotiv einer Fototapete wird in grellen, plakativen Farben übermalt, ein vermeintliches Paradies als Scheinwahrheit entlarvt, und die Ästhetik der industriell produzierten schönen Welt ad absurdum geführt.
Für die 59. Bergische Kunstausstellung in Solingen tapeziert die Künstlerin die weiße Museumswand mit einer Bildtapete im Backsteinmuster. Die haptische Beschaffenheit der Baumarktware ist reliefartig und trägt zum illusionären Spiel um seiende und scheinende Existenz bei. Die putative Mauer wird zur Präsentationsfläche, die den realen Raum einbezieht. So werden einerseits die Grenzen des Tafelbildes überwunden, andererseits neue Darstellungsebenen erschlossen, die als Bild im Bild fungieren und der Malerei eine exponierte Plattform bieten. Den unkonventionellen Rahmen für ein Portrait bildet ein Stück herausgerissene Tapete, die den Malgrund in Form einer Mandorla freilegt und die hermetische Geschlossenheit der Mauer aufbricht. Die Art der Präsentation erinnert an die Ästhetik von Trash. Die Verschränkung verschiedener Bildträger und Sehebenen bezieht den realen und illusionären Raum bewusst ein und verwirrt den Blick des Betrachters. Die Fototapete einer Birkenallee dient der Künstlerin als Malgrund, den sie mit schwungvoller Pinselführung und maigrüner greller Farbe bearbeitet. Die Baumstämme und ein sandiger Weg bleiben als fotografiertes Abbild von Wirklichkeit sichtbar und korrespondieren mit der monochromen gestischen Malerei. Die komplex aufgebauten Arrangements von Cosima Hawemann fordern die Wahrnehmung über den rein visuellen Akt des Wiedererkennens hinaus. Der Betrachter muss die illusionistischen Bilder-Träume der Fotografie und die vielschichtig zusammenhängenden Bild-Räume in Beziehung zueinander setzen. Die Künstlerin sprengt die Grenzen der verschiedenen Medien, analysiert den Wahrheitsgehalt von Bildaussagen, hinterfragt die Relation von Illusion und Wirklichkeit und definiert grundlegende Fragen der Kunst und der Malerei neu.
Gisela Elbracht-Iglhaut
(Katalogtext zum Bergischen Kunstpreis 2005)
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